Tag 265 - 6530 Bäume

Schon morgens klettert die Polarsonne sehr vielversprechend hinter den Felsen neben meinem Schlafplatz empor. 

Tatsächlich wird es ein für hiesige Verhältnisse extrem sonniger Tag. So als wollte diese Gegend mir zum Abschied noch einmal sagen: "Hey, Sonne kann ich auch... 

... und wenn du unbedingt am Strand liegen willst, bitte sehr!"

Naja, zu lange liegen kann man nicht, aber für die fünf Minuten, die man die Kälte aushält, ist alles perfekt - weicher Sand, Wellenrauschen, salzige Seeluft! Was zählt, ist der Augenblick. Und davon genieße ich gleich mehrere, ganz wundervolle direkt hinter einander. Dafür reichen fünf Minuten völlig aus. 

Zurück auf der Straße kommt mal wieder ein Zwischenstand. Wow, gleich knacke ich die 1%. Wenn ich die 65 unterschreite, dann bin ich im letzten Prozent der Gesamtstrecke angelangt. Eigentlich bin ich also nur 100 x 65 km gelaufen, macht 300 ausgedehnte Spaziergänge von etwas über 20 km Länge. Klingt gar nicht so viel. 

Heute ist mal wieder so ein Tag, an dem einfach alles stimmt: Sonnenschein, herrliche Landschaft, und dann halten auch noch ein paar Schweizer an und schenken mir einfach so aus dem Auto raus zwei super leckere Zimtschnecken. Bloß weil sie gerade reichlich davon in Honningsvåg gekauft haben und toll finden, was ich mache. Vielen Dank euch!!! Für mich ist das alles andere als selbstverständlich, dass ich hier und jetzt schon Zimtschnecken aus einer Stadt essen kann, von der mich noch 38 km und zwei verdammt lange Tunnel trennen. 

Um die Mittagszeit erblicke ich zum ersten Mal Magerøya, die Insel, auf der das Nordkap liegt. Man sieht sie ganz schwach und verschwommen, dort wo die Bucht sich öffnet. Das spornt mich an, und ich komme weiter gut voran. Vielleicht auch, weil trotz Sonnenschein ein derart eisiger Wind weht, dass lange Pausen einfach nicht drin sind.

Kein Wunder, dass die Sonne nicht mehr richtig wärmt, denn selbst wenn sie ihren höchsten Punkt erreicht, steht sie mittlerweile so tief, dass mein Schatten aussieht wie andernorts nur morgens oder abends.

Ich laufe also weiter der Kälte davon in Richtung Nordkapp-Tunnel. Ja, jetzt kommt er bald! Und ich überlege, heute noch da durch zu laufen. Eigentlich hatte ich das morgen in aller Frühe tun wollen, bei weniger Verkehr und damit weniger abgasbelasteter Luft. Doch es ist ja auch jetzt kaum ein Auto unterwegs. Und wenn ich bis morgen warte, riskiere ich eine schlaflose Nacht.

Die Konturen von Magerøya werden deutlicher, sogar mit einem Regenbogen darüber. Ja, ich will da heute noch hin! Es gibt Dinge, die sollte man nicht aufschieben. 

9% Steigung, knapp 7km, das Ganze über 200m unter dem Meer. Kein Problem, alles schick! Vor allem für jemanden, der es nicht so hat mit engen Räumen, ein Traum. 

Vorher muss noch die zweite Zimtschnecke  dran glauben, und dann gehe ich da rein. Und zwar lächelnd, denn panisch gucken hat noch niemandem geholfen. 

Drinnen lächele ich penetrant weiter... 

... und tatsächlich, es hilft. Prompt habe ich eine prima Idee, wie ich diese knapp 7 km überlebe. Mir fällt nämlich auf, dass die Tunnellänge in Metern beinah der Länge meiner gesamten Wanderung in Kilometern entspricht. Ich laufe jetzt also in Gedanken die ganze Strecke nochmal im Schnelldurchgang mit einer Geschwindigkeit von knapp 2 km pro Sekunde.

Nach jedem Kilometer gibt es eine Leuchtafel. Hier habe ich gerade einen Kilometer geschafft und noch sechs vor mir. Das wäre also Nordspanien, irgendwo zwischen Burgos und Leon. Dann kommen die 2000 und die 3000, also Südfrankreich und das Sauerland. 

Manchmal stehen auch Zahlen an der Wand. 

Hier habe ich schon über die Hälfte, bin am tiefsten Punkt des Tunnels über 200 Meter unter der Barentssee. In meinem Kopf aber ist Frühling in Schleswig-Holstein - Rapsblüte, Kuhweiden, Schäfchenwolken. Dann kommt ratz-fatz Norddänemark. 

Und dann ganz viel Schweden. Ich kletterte nocheinmal auf den Helags und genieße die atemberaubende Aussicht. 

Hier ist die Schotterpiste in Jämtland, wo ich bei Hochsommerwetter voller Überschwang eine 5000 in den Straßenstaub ritze. 

Und noch einmal der Polarkreis. 

Und dann schon Finnland, mitten im Pallas-Yllästunturi Nationalpark, umgeben von golden leuchtendem Birkenwald. 

Und dann ist heute. 

Und sogar ein Ausflug in die Zukunft ist möglich. Ich stelle mir vor wie ich ankomme...  

... und laufe sogar noch ein paar Kilometer aufs Meer hinaus in Richtung Nordpol. 

Und dann endlich, endlich Licht... 

... und ich bin auf Magerøya, und wirklich schon fast da. 

Doch erstmal will ich nur noch gemütlich im Zelt liegen und weiter träumen. Ich bin dem Tunnel fast ein bisschen dankbar, dass er mich meine Reise noch einmal mal so intensiv hat nachempfinden lassen.